Barbara Ludwig

 Leseprobe: Tatort Oktoberfest - Ein mörderisches Spiel

"Die Haltestelle Olympiazentrum sollte die Stadt besser umbenennen in Olympiatrum oder Olympiapark", bemerkte Nadine, als sie ausstiegen. Ludwig hörte nur halb zu. Er betrachtete neugierig die Leute, die mit ihnen auf den Ausgang zustrebten.

"Gehen die alle als irgendwas?"

"Ich verstehe nicht ..."

"Na, wegen der Kostüme."

Nadine lachte. "Die tragen Tracht, das ist üblich bei solchen Gelegenheiten. Es ist Oktoberfestzeit. Aber du - du sonst mit deiner Hipp-Hopp Kluft, du erscheinst mir verkleidet. Du mit deinen Kapuzenshirt und deinen Baggs! Du, der Hipp-Hopp-Mann", zog sie ihn auf.

In wenigen Minuten erreichten sie den Eingang zur BMW Welt. Nadine fingerte die Eintrittskarten aus ihrer winzigen Umhä#ngetasche. Bevor sie über den roten Teppich ins Innere scheiten durften, schoben sich zwei Bodygards, in tristem Schwarz und mit kahl geschorenen Schändeln ins Blickfeld und verlangten Kareten und Ausweise. Einer von ihnen winkte Ludfwig beiseite und tastete ihn ab. Ludwig sehnte sich nach seinen üblichen Klamotten, fühlte sich maskiert in den braven Jeans, dem einfachen Sporthemd und der Lederjacke, die nicht einmal ihm gehörte, sondern Nadines Freund und deren Ärmel für ihn zu kurz ausfielen. 

Im Inneren der Halle dann- blieb Ludwig gebannt und mit offenen Mund stehen. Abgespaced! Dieses moderne Schloss hätte sich Ludwig II. gebaut, würde er heute regieren, darauf könnte er wetten. Nadine zerrte ihn am Ärmel weiter. Ein Typ trat zu ihnen. "Hallo meine Schöne", begrüßte er Nadine und umarmte sie. Anschließend streckte er Ludwig die Hand hin. "Hey, du bist also der Ludwig. Klasse Lederjacke, stylisch. Steht dir. Ich bin Patrick." Er lachte. "Habt ihr Bock auf die heißen Schlitten, bevor die ganzen Reden geschwungen werden?" Er zwinkerte Ludwig zu: " I am the Master of Universe! Ich kenne den geheimen Zugang!"

Sie folgten Patrick die Treppe hinunter, vorbei an den Garderoben und den Toiletten bis zum Ende des Flurs. Patrick öffnete eine unscheinbare Eisentür und mit wenigen Schritten erreichten sie eine Treppe. Spärlich beleuchtet führte sie zwei Stockwerke hinauf und mündete bei einer ebenso unauffälligen Eisentür. Die Tür knarrte, als Patrick sie aufdrückte. Er spähte durch den Türspalt, bevor er Zeichen gab, aufzuschließen. Ludwig erwartete einen weiteren Flur, aber sie standen, obwohl mitten im Gebäude, auf einer Fahrstraße. Sie führte leicht aufwärts und eine Stück von ihnen entfernt drehten sich die Luxuskarossen. "Geduckt hinter den Autos entlangschleichen. Rasch starten und in den Wagen gleiten, verstanden?" Patrick zauberte eine Tuch aus seiner Jackentasche und wienerte am Haeck des Autors herum. Im nächsten  Augenblick saß er im Wageninneren, öffnete die Tür und gab Ludwig einen Wink. Der Wagen drehte sich mit ihnen. Das helle Leder der Sitze roch streng , aber auch irgendwie teuer und echt unvergleichlich. Ludwig strich mit der Hand darüber. Unter seinen Fingerspitzen fühlte es sich seidenweich an.

"Volllederploster, Interieurleistn aus Pianolack, natürlich Leichtmetallfelgen. 507 PS, einen V 10 Hochdrehzahl Saugmotor, 250 km/h Spitze. Kostet nur schlappe 140.000 €. Fast geschenkt, oder?" Ludwig beugte sich über die Konsole mit den Bedienungselementen. "Mann, Hammer", rutschte ihm raus und er bettelte: "Beim nächsten gehört der Fahrersitz mir, Bingo?" Ehe Patrick antworten konnte, erschallte Blasmusik. "Wir machen die Fliege. Die Veranstaltung beginnt. Kein Bock, dass sie uns hier entdecken."

MInuten später drängten sie sich in der riesigen Halle durch die Besucher nach vorn. "Ich bin neugierig auf den Ochshammer. Meine Mutter findet ihn fesch. Nach den Bildern ist er gedrungen, wenig Hals, Stiernacken, immerhin lockiges Haaar und keine Glatze. Sie überlegt, sich ihn zu angeln. Er hat Geld wie Heu und seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Aber dann müsste sie den Papa vorher entsorgen und das wird schwierig", bemerkte Nadine. Ein Raunen ging druch die Menge. "Er kommt." Eine Gasse öffnete sich. Ochshammer marschierte mit seinem Gefolge dicht an ihnen vorbei.

Ludwig fand den braungrünen Jägeranzug absolut scheußlich. Wie überhaupt der Typ jenseits von Gut und Böse war. Nur, dass er als Fleischfabrikant Millionnen gebunkert hatte, das war schon fett! Vielleicht sollte seine Tante ihn in Betracht ziehen? Sie sah passabel aus, das Alter passte, sie hatte keinen Mann und hätte ausgesorgt und er ebenfalls. Als der Jägeranzug und nach ihm ein weiterer und noch einer zu labern anfing, gähnte Ludiwg. Nadine beschäftigte sich mit Patrick, sie alberten leise herum und hielten Händchen. Ludwig entdeckte lange Tische mit Essen. Tatsächlich drehte sich über einer Heizröhre an einem Spieß der Ochse. Daneben türmten sich Wurstberge. Über offenen Feuer simmerte eine Suppe in einen überdimensionalen Kessel. Das Ganze erinnerte Ludwig an die Ritterspiele in Brandenburg. Die fanden allerdings nicht uner einem Dach, sondern im Freien statt. Der Ochse am Spieß und der Hexenkessel wirkten in Ludwigs Augen neben dem vielen Chrom und den glänzenden Autors fehlbesetzt.

Die Reden endeten und die Meute drängte sich an die Futterkrippe, als hätte sie wochenlang nichts zu essen bekommen. Nadine hatteRecht: Currywurst wurde nicht geboten. Er schauftelte Kartoffelsalat auf den Teller und dazu Buletten, obwohl auf dem Schild "Fleischpflanzl" stand.

Nach dem Wegräumen des leeren Geschirrs, stellte er fest, dass er sich an der Treppe zu den Garderoben befand. Die unscheinbare Eisentür! Sofort war sie präsent. Wie ein Magnet zog sie ihn an. Er drehte ein paar unauffällige Kreise, linste nach rechts und nach links. Niemand interessierte sich für ihn. Mutig gworden wagtre er den nächsten Schritt. Er öffnete die magische Tür. Die Stille im Treppenhaus überfiel ihn und ließ ihn einen Moment innehalten. Sein Herz bummerte. Er atmete tief ein und aus, ehe er sein Ziel fest ins Auge fasste: Noch einmal in diesem Klasse-Auto sitzen, am Lenkrad drehen, über das Leder streichen, den Schaltknüppel in der Hand spüren. Jeweils zwei Stufen auf einmal nehmend, stürmte er vorwärts. Wie Patrick vor ihm öffnete er die obere Tür einen Spalt und sondierte die Lage. Die Fahrzeuge drehten sich noch immer wie von Geisterhand gelenkt. Nigends ein Bewacher in der Nähe. Stimmen schallten aus der Halle hinauf, die die gegenüberliegenden Terrassen wie einen Graben trennte. Ludwig ignorierte die Stimmen. Die Leute waren beschäftigt und würden ihn nicht ausmachen, wenn er sich geschickt verhielt.

Wie vorhin schon, steuerte er, nach einem nachmaligen schnellen Rundblick, geduckt auf eines der Autos zu, öffnete blitzschnell die Wagentür und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Sofort hatte er das Lenkrad in der einen und den Schaltknüppel in der anderen Hand. Sogar der Schlüssel steckte und er war versucht, ihn umzudrehcen und einfach loszufahren. Bei dem Lärm draußen würde das Motorgeräusch nicht aufallen, vor allen Dingen, wenn der Renner wirklich so eine Flüstermaschine besäße, wie sie in der Reklame immer behaupteten .

Bevor er den Zündschlüssel umdrehte, schaute er in den Rücksüiegel. Aus seinem Mund würgte sich ein heiserer Schrei. Seine Bewegungen erstarrten. Seine Hand fiel, als würde sie nicht zu ihm gehören, auf seinen Schoß hinunter. Vorsichtig wagte er einen zweiten Blick in den Spiegel. In der Tat! Auf der Rückbank saß ein Mann. Hatte der Mann ihn etwas die ganze Zeit beobachtet? Wollte er ihn auf frischer Tat errtappen? Wie konnte er nur annnehmen, diese geflashten Schlitten ständen unbewacht im Gelände. Als Ludwig die Tür öffnen wollte, um sich zu verdrücken, wurde ihm bewusst, dass irgendetwas mit dem Mann nicht stimmte. Der komische Bruder verhielt sich seltsam. Er sagte nichts, schwieg, blieb stumm. Nicht einmal seine Augen schienen sich zu bewegen. Im Gegenteil, ihr Blick bohrte sich geradezu durch ihn hindurch.

Es waren - nein - es waren - ja - es waren - tote Augen!